Eine Totenmesse?

So könnte es um die Zukunft der Literatur bestellt sein…

Es ist Frühling im Jahr 2030 und die altehrwürdige Büchermessezeit in Leipzig findet immer noch statt.  Der Unterstellvertreter des Bürgermeisters der Stadt hatte das kleine, einsame Sammelsurium der ewig emsigen, literarischen Schaumschläger begrüßt. Es ist nur eine Minibegrüßung, welche das Hoffen und Fürchten der immer noch ausstellenden Buchautoren und Schriftstellern, ob jung oder alt zum Siedepunkt bringt.Unaufgefordert bieten wenige Schriftsteller ihre Produkte an Ständen einer einzigen Messehalle an. Viele Verlage waren in den letzten Jahren untergegangen. Die Nummern der Stände sind kleiner geworden, so dass jeder Besucher dieser Schrumpfbuchmesse, mühelos zu einem der winzigen Stände findet. In besseren Zeiten waren hier 5 Hallen völlig ausgelastet und zu den Lesungen kamen viele geladene und ungeladene Gäste. Über 2000 Aussteller hatten damals ihre geistigen Waren feil geboten und heute? Die Zeiten des Auerbachkeller vom Altmeister Goethe sind nicht mehr zu spüren. Als der große Meister Johann Wolfgang, den Dr. Faustus, auf einem Fass reitend, aus dem Keller der Kneipe, auf der Straße landen ließ, fand das Gelächter in Deutschland kein Ende. Kleine Mädchen, die man Gretchen nannte, wurden geschwängert und neue Hoffnungen schlängelten sich in die literarischen Sturm- und Drangzeitstuben ein. Das war Herzblut für die deutsche Nation.

Heinrich hat hart gearbeitet und in Co-Produktion zwei Bücher geschrieben die rezensiert worden sind, aber vom Verlag nicht ausgestellt werden. Seinen Nachlektor hat er selbst bezahlen müssen, da doch offensichtlich noch Fehler im Text zu finden waren. So muss Heinrich seinen Bücherstand mit eigener Nadelstreifenpersönlichkeit, mit gefleckter Fliege und den selbstbezahlten Büchern präsentieren. Ein großes Regal hat er mit seinen spannenden geistigen Ergüssen ausgestaltet, aber leider nur zwei Exemplare mit zwei Titeln. Mit einer Pachtsumme von 1000 Euro für den Stand für 3 Tage Nutzung, liegt Heinrich im günstigen Bereich. Von seinen 3000 Euro für Druck und Lektorat, welches nichts getaugt hat, muss niemand etwas wissen. Hinter einer Pappwand hat Heinrich optimistisch einen Karton mit 100 Büchern deponiert.  Man weiß ja nie.

Heinrich sieht neugierig in die weite Runde dieser einzigen, armselig benutzten Halle. Viel Hoffnung auf eine größere Beteiligung seiner Literaturkollegen ist nicht zu erkennen. Die Bücherstände wurden für die immer noch existierenden oder wiederkehrenden Idealisten und für die neugierigen, „altertümlichen“ Schreiber und Leser aufgebaut. Es scheint aber doch noch Menschen zu geben die ein Buch lesen und besitzen möchten und sich nicht von allmächtigen Medien unterdrücken lassen wollen. Heinrich hat dann noch einmal alle Kräfte und Finanzen mobilisiert, um in diesem letzten Buchmesseheiligtum Ostdeutschlands seine mühevoll geschriebenen Bücher anzubieten, um dieser letzten Heiligen Halle seine letzte Referenz zu erweisen.

Ein kurzes Hallo zum rechten Stand. Julie, die kleine scharfe Autorin aus Frankreich ist auch wieder hier und man begrüßt sich herzlich, hat man doch den tollen Fick vom letzten Jahr inmitten der Pappkartons hinter der Messehalle nicht vergessen. Für ein teures Bett in der Großstadt war kein Geld vorhanden und eine Currywurst hatte den Hunger gestillt.

Heinrich muss lächeln, als er sich an die Bemerkung Julies erinnert, als sie sagte, dass man sich auch selbst neuen Stoff für ein Buch verschaffen könnte. Aber Julie kommt heute nicht zu ihm. Bald sieht Heinrich das Übel in Person eines bärtigen Mannes an ihrer Seite. Was soll’s?

Links, neben seinem Stand, ist der Russe Boris wieder eingezogen. Genial, dieser Boris, mit den vielen Büchern die er präsentieren kann. Boris hat halb Russland abgegrast und sämtliche erreichbare Literatur hier her geschleppt. Er kennt viele verarmte, bankrotte Schriftsteller, die ihm ihre Bücher zu dieser Messe der armen Literaten, nach Leipzig mitgegeben haben. Boris hat vielleicht einen Bestseller, aber wer will den? Heinrich blättert im neuen Buch von Boris und ist überrascht. Es ist eine Biografie von Putin, einem ehemaligen Staatspräsidenten Russlands. Und die sollte keiner kaufen? Ja, Boris hat immer was zu bieten. Was sollte Heinrich schon über langweilige deutsche Politiker schreiben?

Als die beiden sich mit einem Schluck Sekt begrüßen, meint Boris, dass er wohl letztmalig in Deutschland wäre, da es finanziell absolut nicht zu vertreten ist. „Heinrich, kannst du wissen, chinesischer Markt wird sich öffnen. Kommst du mit? Überlege mal, Millionen von Lesern. Sie sind durstig nach Literatur- wollen lesen, sich bilden. Wir werden die neuen, modernen Missionare in Fernost. Sie lechzen nach Bildung, weil sie Jahrzehnte nur Scheiße zu lesen bekommen haben. Mao-Bibeln, schlimmer als Grimms Märchen. Viele kommen nicht ins Internet, so können wir unsere Bücher bis in die letzten Ecken in China verkaufen.“ Boris steigert sich in das natureigene russische Temperament und den Dialekt. Er fuchtelt mit der halb vollen Sektflasche gefährlich nah vor Heinrichs Nase. „Du kommst mit, Heinrich, wir machen dort Kohle, Kies, Knete, verstehst du?“

Heinrich meint, dass es eine gute Idee ist und er darüber nachdenken wird. Boris hakt sich in Heinrichs linken Arm ein und führt ihn einige Meter zu einem großen Fenster von dem aus man den riesigen Parkplatz vor der Messehalle überblicken kann. „Sieh hin, mein Freund! Was erkennst du? Wo sind die vielen Autos der letzten Jahre? Na, wo sind sie? Wo sind die Freunde der Literatur geblieben? Wo sind die Fans, Brüderchen, die in Massen vor unseren Ständen um ein Buch gebettelt haben?“ Tränen fließen über Boris’ leicht gerötete Wangen.

„Boris, was soll diese Diskussion? Wir wissen doch, dass hier die letzte Messe gelesen wird. China, das wäre großartig. Japan, Malaysia, Australien, Neuseeland sind Träume, kaum zu realisieren. Die elektronischen Bücher, die Hörspiele die vielen Kinderspiele machen uns kaputt, – wir haben keine Chance mehr. Wir können eine Bude aufmachen und Altstoffe sammeln und verkaufen, mit unseren Büchern fangen wir an.“

Boris winkt ab, dreht sich um und geht hinter seine Standwand. Heinrich weiß, dass Boris sich dort einen stärkeren Beruhigungssaft als Sekt einflößen wird. Punkt 10 Uhr, ein Gong ertönt. Leises Stimmengewirr ist aus Richtung des Halleneingangs zu hören. Es scheint, dass doch einige treue Leser den Weg hierher gefunden haben. Boris streckt seinen Daumen nach oben und wünscht Heinrich viel Glück. Heinrich dankt Boris mit einem sauren Lächeln, welches sich aber schnell verzieht, als er eine Gruppe älterer Damen und Herren bemerkt, die seinen Bücherstand und ihn ansteuern. Sie begrüßen sich herzlich und Heinrich ist glücklich als die Leutchen bemerken, vor 5 Jahren letztmalig bei ihm gewesen zu sein. Natürlich kann er sich kaum an die vielen Leute von früheren Jahren erinnern.

Heinrich geht mit seinem Verkaufspreis runter und verkauft 10 Bücher, die er signiert. Immerhin einige Euros in seiner Kasse. Unter viel Hallo und bis zum nächsten Jahr, geht der literarische Rentnerverein zum Stand von Boris weiter. Der hat viele Bücher in seinen Schränken und Auslagen. Und er hat auch einige kleine alkoholische Spaßmacher auf einer Extratheke stehen. Rechterhand, wartet Heinrichs ehemalige französische Stoßdame Julie immer noch, ohne Kunden und sieht etwas hilflos zu ihm herüber. Er zuckt die Schultern.

Mitten in die Betrachtungen Heinrichs platzt ein Hallo hinein. Etwas erschrocken sieht Heinrich zu Seite und stellt fest, einen neuen Gast begrüßen zu können.

„Guten Tag, darf ich mal in ein Buch reinlesen?“, fragt der Herr Hallo höflich. „Bitte schön, bedienen sie sich“, meint Heinrich lächelnd und führt ihn zu seinem mageren Buchangebot.

Ein älterer Herr, etwas grauhaarig, mit sachkundiger äußerer Erscheinung und interessiertem Blick, nimmt sich ein Buch, setzt sich an den kleinen Tisch von Heinrich und beginnt zu lesen. Heinrich geht zu Boris und stellt fest, dass der schon einige Euro mehr in seiner Kasse hat.

Als er zurück an seinem Stand ist, liest sein Besucher immer noch. Heinrich schmunzelt als er bemerkt, dass sein Kunde sich amüsiert. Du Arschloch, kauf endlich das Buch und haue ab, denkt Heinrich. Als ob der Leser die Gedanken Heinrichs erraten hätte, fragt er höflich, ob er nicht eine Tasse Kaffee bekommen könnte. „Sicher“, antwortet Heinrich und gießt ein Käffchen aus seiner Thermosflasche in einen Plastikbecher ein. Der Leser ist König. Und dieser Leser schlürft genüsslich Kaffee und fragt, ob Heinrich mit einem kleinen Schuss Kognak den Kaffee verfeinern könnte. „Sicher“, antwortet Heinrich und der Gast liest, lacht und trinkt weiter. Zwischendurch wundert sich Heinrich, weil der Leser nicht aufhört mit Lachen. Ja, lacht er nun über mich Literaturidioten oder über den Inhalt des Buches?

Der Kunde liest weiter. Schon ist es nach 12 Uhr und der Kerl ist noch nicht fertig. Boris kommt und fragt was los ist. Heinrich zeigt zu dem eifrigen Leser einen Vogel. Die Flasche Kognak ist fast leer und endlich erhebt sich dieser fiese alte Herr.

Er klopft Heinrich auf die Schulter und legt ihm dar, dass es der beste Schund war, den er in der letzten Zeit gelesen hat. „Denken sie daran, morgen bin ich wieder hier, werde ihr zweites Buch lesen. Dann entscheide ich mich. Ich erbitte mir die gleiche gute Bewirtung wie heute, danke.“ Er lacht und wendet sich zum nächsten Stand. So kann man natürlich auch kostenlos saufen, denkt sich Heinrich.

Tatsächlich kommt dieser unangenehme Besucher am nächsten Tag wieder. Mit Unbehagen sieht Heinrich ihn direkt auf seinen Stand zusteuern. Der alte Herr hat eine dunkle Mappe unter dem Arm, setzt sich an Heinrichs Tischchen und bittet um dessen anderes Buch. Nach kurzem Lesen steht er auf und kramt in seiner schwarzen Aktentasche. Er holt ein Papier raus, das er Heinrich, wie scheint feierlich übergibt. Julie und Boris kommen, wahrscheinlich von den Leuten des Grauhaarigen geholt, in diese Runde dazu. Plötzlich sind die drei umringt von einigen Fotografen, die ein Blitzlichtgewitter veranstalten. Der Grauhaarige hält eine kurze Ansprache und stellt sich als Oberbürgermeister der Messestadt Leipzig vor. Er meint- nach dem er die anwesenden Schriftsteller in der einzigen verbliebenen Buchmessehalle begrüßt hat- dafür zu sorgen, dass die Büchermesse hoch gehalten wird und im nächsten Jahr noch mindestens 2 Hallen wieder eröffnen. Er bedankt sich bei allen, welche die Tradition und Fleiß des literarischen Denkens und Schreibens über viele Jahre hoch gehalten haben. Beifall von allen Seiten. Die Delegation des Oberbürgermeisters zieht dann durch die große Halle um jedem ein Anerkennungsschreiben der Stadt zu überreichen. Wie viele Kollegen dort noch ausgestellt haben, wird wohl nur der Oberbürgermeister wissen und warum er vorher seinen Stellvertreter zur Eröffnung geschickt hatte, wird wohl auch sein Geheimnis bleiben.

Es ist Abend geworden, die Präsentation der wenigen Bücher ist abgeschlossen und viele sind glücklich. In einer stillen Ecke sitzen Julie, der Bärtige, Boris und Heinrich. Sie haben einen Plan der verwegen ist. Sie wollen einen eigenen Verlag gründen und allen die Schreiben eine Chance geben. Auf den Rückseiten ihrer Anerkennungsschreiben haben sie kleine angeheftete Umschläge gefunden, die ihnen, durch gedruckte Zahlen, gewisse Optionen bieten dieses Projekt in Angriff zu nehmen. Julies bärtiger Geselle entpuppt sich als ihr Bruder und so müssen Julie und Heinrich diese Nacht nicht in Pappkartons verpackt, hinter der Messehalle mit Curry-Würstchen schmusen.